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Begegnung mit der dunklen Seite: Gewalt, Männlichkeit und der Beginn einer Reise

  • Benjamin
  • 15. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

In einem ungepflegten Kasernengebäude aus der Kaiserzeit, umgeben von Sturmgewehren hinter Glas: An diesem unwahrscheinlichen, skurrilen Ort beginnt meine Reise. Hinter mir liegt ein Museumsbesuch in der „Wehrtechnischen Studiensammlung“ in Koblenz, der mich verstört und nachdenklich gemacht hat: über mich selbst und die Welt da draußen. 


Es ist Mitte November 2024. Vor einer Woche ist die Regierungskoalition zerbrochen, an Männern, denen ihr Ego wichtiger war als die Verantwortung für das Land in schwieriger politischer Lage: In der Ukraine tobt Krieg, in Amerika ist der Ex-Präsident wiedergewählt worden. Ich bin zornig, ohnmächtig und ich muss etwas tun gegen die Herrschaft der Silberrücken. Sonst teile ich keine Appelle in meinem Whatsapp-Status, aber jetzt kann ich nicht anders: „Engagiert euch jetzt, überlasst das Land nicht den anderen!“ 

  

Und wenig später stehe ich in einer Waffenkammer – und fühle mich wie auf einem Kindergeburtstag im Zoo, aufgeregt und fasziniert. Nur dass hier keine Elefanten, Löwen oder Papageien zu bestaunen sind, sondern Tötungswerkzeuge. In diesem Museum der Bundeswehr bestaune ich auf drei Etagen Geschütze, Panzer, Kampfjets, Hubschrauber, Pistolen und Gewehre, historische und aktuelle. Ich schaue mir alles ganz genau an und fotografiere begeistert. Als wäre das der verdammte Louvre. 


Im Angesicht der Ungetüme aus Eisen und Stahl verspüre ich ein aufgeregtes Kribbeln im Bauch. Aber das Kribbeln hat Gesellschaft. Ich grusel‘ mich gleichzeitig vor mir selbst. Warum finde ich das toll? Ich bin ein friedlicher Mensch, besitze keine Waffen, habe mich seit ich zehn war nicht mehr geprügelt. 


Auf der obersten Etage, wo die Sturmgewehre in Vitrinen liegen, setzen wir uns auf eine Bank. Meine Frau und ich kommen ins Reden – und ins Nachdenken. Sie kann meine spontane Faszination nicht teilen, null. Warum geht es mir dann so? 

Weil Männer mächtig sein wollen? Weil Waffen Machtressourcen sind? Ist das meine männliche Sozialisation? Trage ich einen dunklen Kern männlicher Identität in mir, von dem ich gar nichts wusste? Andererseits: Waffen machen wehrhaft, sie verschaffen Respekt. Warum ist Gewalt männlich? 


Wenige Tage vorher ist die jährliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts veröffentlicht worden. Warum sind die überwiegende Mehrheit der Straftäter Männer? Warum stirbt in Deutschland fast jeden Tag eine Frau durch die Gewalt eines Mannes? Warum sind auch die meisten Toten durch Suizid, Alkohol und Drogen Männer – also durch Gewalt gegen sich selbst? 


Und warum finden wir das alles so unerträglich normal, dass scheinbar niemand etwas dagegen unternimmt? 


Für mich ist klar: So kann es nicht weitergehen. Und: Das Problem ist riesengroß.   

Ich beginne mich ins Thema Männlichkeit einzulesen, besuche Vorträge und Workshops. Wie bei einem Memory-Spiel decke ich für mich die Karten auf: Männer sind historisch wie aktuell die Eroberer, Herrscher, Verteidiger von Macht und Besitztümern. Dabei stehen sie im ständigen Wettbewerb untereinander.


Um hier auf dem Podest zu stehen, braucht es Machtressourcen: Kraft, Mut, Rationalität, Risikobereitschaft, Härte, Durchsetzungsvermögen. Waffen sind in dem Spiel die Jokerkarte, die der moderne Staat verboten hat (was meinem Unterbewusstsein egal ist). 


Unnötige Skills in diesem Spiel und im schlimmen Verdacht der Unmännlichkeit: Sich und mit anderen zu fühlen, sich zu reflektieren, für sich und andere zu sorgen, mit anderen zusammenzuarbeiten und zu kommunizieren (Bundesliga-Ergebnisse diskutieren zählt nicht).

Mir beginnt es zu dämmern. Diese Normierung als Männer für den Wettbewerb bringt uns gleichzeitig an die Spitze – und in den Abgrund. Denn wenn es im Leben nicht mehr läuft, wenn die Macht bedroht ist, fehlen die Tools in dem verdammten Werkzeugkasten. Reden statt zuschlagen. Hilfe annehmen statt abstürzen.  


Als Jugendlicher legt man sich dieses Männer-Mindset zu, weil man dazugehören, normal sein will. Auch wenn man diesen Wettbewerb da schon hasst und am Ende sicher nicht gewinnen wird. Mit Anfang 20 habe ich mich entschieden: Ich bin raus, macht ohne mich weiter. Was dabei sicher geholfen hat? Jemand, der dir sagt: Du bist genau richtig. 

Der Besuch in der Waffenkammer wirkt auch ein Jahr später nach: Ich muss herausfinden, was diese männliche Normierung mit mir selbst gemacht hat. Wie sich selbst fühlen, beobachten, reflektieren, verstehen – wenn man es nie gelernt hat? Hier liegt eine spannende Reise vor mir.


Genauso klar ist mir aber auch: Der Drang, mich zu engagieren, ist stark geblieben. Ich muss etwas tun. Denn die Kollateralschäden von Männlichkeit sind so groß, dass ich sie nicht ignorieren kann. Es scheint, als hätte ich ausgerechnet in einer Waffenkammer zu meinem Thema gefunden. 


Jede*r kann etwas, und jede*r kann etwas tun: Nachdenken, aufmerksam sein, sich schlau machen. Aussprechen, dass es ein Problem gibt, und ihm einen Namen geben. Akteure supporten. Blog-Beiträge schreiben. 


Wird dieser Blog die Welt ändern? Natürlich nicht.


Aber irgendwo muss ich anfangen. Und tun, was richtig ist.


Was tut ihr?




Referenzen:

Hierzu das Lagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“ des BKA https://www.bka.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/Presse_2024/pm241119_BLB_Straftaten_gegen_Frauen.pdf?__blob=publicationFile&v=4

Zu Männlichkeit und Gewalt: die ZDF-Doku zum Thema Femizide: www.zdf.de%2Fvideo%2Fdokus%2Fzdfzeit-106%2Fweil-du-mir-gehoerst--wenn-maenner-ihre-frauen-toeten-100&usg=AOvVaw0q2U50PjPl0zlHx3Bl6FJ4&opi=89978449 

 
 
 

1 Kommentar


Katja Weber
Katja Weber
04. Feb.

Danke für deinen spannenden Artikel! Mein Sohn, 12 Jahre und der friedliebenste und weiseste Mensch denn ich kenne, begeistert sich schon seit er klein ist für Waffen. Ich als Frau kann dieses Interesse gar nicht nachvollziehen und finde es auch seltsam, dass mein Sohn sich so dafür begeistert (er spielt keine Videospiele und hat auch keine Freunde die sich so extrem für Waffen begeistern und auch keine Mutter, die ihm das Interesse daran verbietet). Meine Erklärung ist deshalb einfach: Es liegt in den Genen. Die Geschichte der Menschheit hat Männern beigebracht wie wichtig Waffen sind und jetzt ist die Information immer noch im Blut, auch wen sie überfällig ist.

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