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  • AutorenbildTobias Spiegelberg

Die Schönheit der Differenz in der Politischen Bildungsarbeit

Aktualisiert: 29. Aug. 2023

Wie lernen wir, Differenzen wahrzunehmen und warum entsteht dabei meist

Wertung statt Schönheit?

Was bekommen wir für Botschaften und wie gestalten wir unsere Eigenen?

Die Schönheit der Differenz, Hadija Haruna-Oelker

Hadija Haruna-Oelker (2022) hat ein mindgrowing, sprachlich federleichtes Buch über die “Schönheit der Differenz” geschrieben. Es hat meine letzten schneeverregneten Workshopwochen ganz schön aufgehellt und mir neue Blickwinkel für mein Verständnis von politischer Bildungsarbeit geschenkt. Politische Bildungsarbeit bedeutet für mich, Lernangebote zu machen, um die Strukturen unseres Miteinanders besser zu verstehen sowie Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln, die eigenen Anliegen und Bedürfnisse in diesem Kontext voranzubringen.


Mit Detox Identity arbeiten wir an strukturellen Diskriminierungen mit dem Fokus auf kritischer Männlichkeit. Dabei geht es immer wieder um die Reflexion von Botschaften, die wir von nahen Menschen mitbekommen und Möglichkeiten, Eigene zu formulieren und zu verbreiten.

Ich habe von Kind an gelernt, Differenzen zu bewerten, die ich bei Menschen wahrnehme. Und dabei gibt es irgendwo immer ein ähnliches Muster: “normal”=gut, “nicht-normal”=schlecht. Ich bin in einem reichen Stadtteil einer Kleinstadt im Rheinland 195 cm groß geworden und habe dort eine weit verbreitete Form von Normalität kennengelernt. Männlichkeit, weißsein, Heterosexualität, ableisiert (ohne BeHinderung) zu sein, in einem Haus mit immer noch verheirateten Eltern zu wohnen, ist “normal”. Jede Abweichung davon bedeutet weniger Zugang zu Ressourcen wie Nachhilfe, den Klassenraum (in meiner Schule gab es so viel Barrierefreiheit wie in der Pariser Metro), Wohnraum, faires Gehalt, Sicherheit und gesellschaftliche Anerkennung. Ich entsprach allen Normen und war und bin somit absolut privilegiert, während viele um mich herum mit ihren Abweichungen und damit einhergehender Diskriminierung einen Umgang erlernen müssen. Diese Normen und die Abwertung von Differenz sind tief in den Geschichten, Ämtern, Bildungsstätten und -büchern sowie dem Städtebau (“Das Patriarchat der Dinge” 2019 von Rebekka Endler hierzu sehr lesenswert!) verankert. Sie werden uns durch Botschaften von nahen Menschen (Eltern, Freund*innen, Lehrpersonen, Influencer*innen oder Handballtrainern) vermittelt, die wir verinnerlichen und meist unreflektiert weitergeben.


Politische Bildung kann diese Botschaften, ihre strukturelle Verankerung sowie historischen Wurzeln sichtbar machen. Damit schafft sie die Grundlage, Diskriminierung als Wertungssystem zu verstehen, dem alle alltäglich begegnen.

Letzte Woche habe ich mit FSJler*innen auf einer epischen Jugendburg zu Kritischer Männlichkeit und eigenen emanzipatorischen Potenzialen gearbeitet.

Man Box, Methode

Bei solchen Jugendbildungs-Seminaren verwenden wir dabei gerne die Methode der Man Box (van Tricht J. 2020). Zunächst werden Botschaften gesammelt, die die Gruppe mit Männlichkeit bzw. Weiblichkeit verbinden indem die TN ihre unmittelbaren Assoziationen durcheinander durch den Raum rufen. Dabei kritzle ich dann auf einer Flipchart zusammen, welchen Anforderungen Männer* und Frauen* bei ihrer Identitätssuche ausgesetzt sind. Die Bilder, die dabei entstehen, sind nicht nur wegen meiner Handschrift keine Schönheiten. Vielmehr werden dabei Enge und Druck sicht- und spürbar. Keine*r fühlt sich mit diesen Idealtypen wohl, geschweige denn hat solche Personen jemals getroffen. Dazu spiegelt sich das Patriarchat in den Wertungen dieser vergeschlechtlichten Botschaften wieder. Hierbei passieren Ab- und Aufwertung von Zuschreibungen, wie “stark”/“schwach”, “willensstark”/“hysterisch”, "Arbeit"/”Haushalt” (...).


Auch wenn es diese “echten” Männer*Frauen nirgendwo gibt, begegnen allen Personen (auch jene, die sich mit keinem dieser Geschlechter identifizieren) diese Botschaften. Täglich, nahezu überall in der Öffentlichkeit, auf TikTok und Instagram, in Büchern, Wissenschaft, Toiletten und der eigenen Wahrnehmung werden sie reproduziert. Menschen lernen, andere Menschen zu lesen, ihnen Geschlechter, vermeintliche Migrationsgeschichten, BeHinderungen, Neurodiversität oder Sexualität zuzuordnen und daraus Schlüsse über sie abzuleiten. Das Hässliche daran ist, dass die Wertung bezogen auf Normen geschieht, die historisch aus Kolonialismus, Nationalsozialismus und religiösen Mythen hervorgehen.

Hadija Haruna-Oelker widmet sich der vielschichtigen Aufgabe, diese Normen zu dekonstruieren und Platz für Differenz zu schaffen, die abseits von Normen und Wertung so schön sein darf wie sie ist. Wenn politische Bildung daran mitarbeitet, kann sehr viel Schönheit entstehen. Wenn politische Bildungsarbeit diese Schönheit erlaubt, bestärkt und freisetzt, entstehen meist die berührendsten Momente.

Das kann bedeuten, dass bisher unbenannte Erfahrungen und Gefühle benannt werden können, die eigene Positionierung, Privilegien und damit einhergehende Verantwortung bewusst wird und eigene Botschaften ausgedrückt und gehört werden.

Bei den letzten Workshopwochen geschah dies mit Poetry Slams und einer Demonstration zum internationalen feministischen Kampftag (Weltfrauentag), die von der Gruppe selbst organisiert

Demo Feministischer Kampftag

wurde. Dabei brachten die Teilnehmer*innen ihre eigenen feministischen Anliegen auf Plakate und bereicherten mit ihren Botschaften die Innenstadt von Borken. Die Begegnungen und Gespräche mit Passant*innen und Polizei zeigten so viel Wirkung, dass dieser Tag uns nun dazu veranlasst hat, einen Instagram Account zu eröffnen. Dort soll Raum gegeben werden für die Schönheit der Differenz, die bei politischer Bildungsarbeit entsteht.



Literatur


Endler R. (2021). Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt. 3. Aufl., DuMont Buchverlag, Köln.


Haruna-Oelker H. (2022) Die Schönheit der Differenz. Miteinander anders denken. 1. Aufl. btb Verlag, München.


van Tricht J. (2020). Warum Feminismus gut für Männer ist. Bonn: Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung Schriftenreihe (Bd. 10529), S.80.

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