Embrace the Cringe - TikToksischer Männlichkeit pädagogisch begegnen
„Von Tim hätte ich so etwas als Letztes gedacht.“
Tim ist Klassensprecher, gut in Deutsch und Bio und der erste Ansprechpartner, wenn die Lehrerin wissen möchte, was in der Klassendynamik so geht. Doch plötzlich zeigt dieser Timi eine ganz neue Seite. Er äußert sich verachtend über trans* Personen, beschwert sich, Frauen würden bevorzugt, ihr Männerhass toleriert und Feminismus verbiete ihnen, Kinder zu mögen oder „einfach normal gut auszusehen“. Die Lehrerin ist empört und widerspricht ihm deutlich. Nach dem Unterricht bittet sie ihn noch kurz im Raum zu bleiben. "Was ist los Tim? Was sollte das eben? Woher kommen diese abwertenden Gedanken plötzlich?"
Tim blockt ab. Er wirft ihr vor, sie solle anderen nicht ständig ihre feministische Ideologie aufzwingen. Er habe keine Lust mehr, nur weil er ein Mann sei, ständig kritisiert zu werden und seine Meinung nicht äußern zu dürfen. Aber sie wisse ja eh nicht, wie das ist.
Sie ist fassungslos, hält kurz inne und antwortet: „Stimmt. Das weiß ich tatsächlich nicht.“
Ein paar Tage später fragt sie einen Workshop bei uns an.
Feminismus steht nicht im Lehrplan
Solche Anfragen erreichen uns bei Detox Identity derzeit immer häufiger. Lehrkräfte oder Eltern, die von Jugendlichen erzählen, die sich scheinbar von heute auf morgen verändern. Plötzlich hauen sie Queer- und Frauenfeindlichkeiten heraus, als wäre das wieder normal oder sogar rebellisch und cool. Schnell sind die Schuldigen gefunden: Social Media, Manosphere, Rechtsruck – die Hasskommentare wandern in die Klassenräume.
Überforderung und Ratlosigkeit sind die Folge, denn diese Konfrontation mit Antifeminismus steht so nicht im Lehrplan. Da muss man aber doch etwas machen – aber was?
Der Impuls, schnell und direkt Haltung zu zeigen und Grenzen zu setzen, ist nachvollziehbar – und oft auch notwendig und vor allem richtig. Gleichzeitig beginnt aus meiner Sicht genau hier die eigentliche pädagogische Herausforderung. Wir sollten nicht nur fragen, wie wir problematischen Aussagen widersprechen, sondern auch: Was passiert mit uns, wenn Jugendliche auf einmal Dinge sagen, die wir kaum aushalten können, die uns verletzen und auf die wir so nicht vorbereitet waren?
Darum lohnt es sich, an dieser Stelle einen Moment nicht auf Tim zu schauen, sondern auf die Lehrerperson.
Ich kann ihre Reaktion gut nachempfinden. Wenn Jugendliche Aussagen machen, die mich schockieren, verletzen oder sprachlos machen, möchte ich sofort und am besten schnellzüngig reagieren. Ich möchte Haltung zeigen, deutlich machen, dass Menschenfeindlichkeit keinen Platz hat und diesen Nährboden für Faschismus pädagogisch umgraben.
Und das ist wichtig. Vor allem jetzt, aber vor allem auch für die Betroffenen, die mit im Raum sind. Auch sie werden mit diesen Hasskommentaren überraschend konfrontiert. Gerade ging es noch um den Satz des Pythagoras und plötzlich werden Geschlechtsidentitäten infrage gestellt oder Betroffene sexualisierter Gewalt als Lügner*innen bezeichnet. Das tut weh und viele Lehrkräfte wurden für solche Situationen nie ausgebildet. Das fühlt sich nicht nur fachlich herausfordernd an. Es kratzt auch an unserem Gefühl, pädagogisch handlungsfähig zu sein und somit sicher in unserer Rolle aufzutreten.
Vielleicht greifen wir deshalb so schnell zu dem, was wir gut können: Wir erklären. Wir widersprechen. Wir setzen Grenzen. Wir versuchen, wieder Orientierung in eine Situation zu bringen, die sich auf einmal ziemlich unübersichtlich anfühlt.
Aber was passiert eigentlich mit uns, bevor wir handeln?
Und was ist das Bedürfnis hinter diesen Reaktionen?
In unserer Bildungsarbeit bei Detox Identity begleiten wir nun schon 7 Jahre pädagogische Fachkräfte und Jugendliche in der Auseinandersetzung mit Antifeminismus, Männlichkeitsnormen und Diskriminierung. Dabei mache ich immer wieder die Erfahrung, dass oft erst der empathische Blick auf sich selbst eine emotional fundierte Empathie mit der Zielgruppe ermöglicht, die für wirksame Bildungsarbeit unerlässlich ist.
Dies wurde bei einem Fachtag zum Thema Antifeminismus besonders deutlich. Sowohl Lehrkräfte als auch Schüler*innen besuchten meinen Workshop „TikToksische Männlichkeit”.
Ich zeigte ein Video eines Influencers aus der Manosphere und bat die Gruppe anschließend, live zu kommentieren, was sie dazu denken. Die Fachkräfte zeigten sich angewidert, machten sich lustig und fragten laut, wie Jugendliche auf so etwas Stumpfes hereinfallen könnten. Kurz darauf trauten sich zwei Jungs, auch ihre Reaktionen zu teilen:
„Richtiger Macher”, „Einfach ein Löwe.“
Auf Nachfrage sagten sie, dass der Mann im Video genau das verkörpere, was sie sich wünschten, dass er sie inspiriere. Ich bin den beiden für ihre Ehrlichkeit sehr dankbar. Auch den Lehrkräften bin ich dankbar. Sie wurden mucksmäuschenstill und überhäuften die beiden in der anschließenden Gruppenarbeit mit Fragen, die sie geduldig und mit einem leichten Schmunzeln beantworteten.
Wenn ich sehe wie Jungs diese Manfluencer feiern, die mit Abwertung von Frauen, Queerfeinlichkeit und Machtversprechen Reichweite und vor allem Geld generieren, ist oft der erste Impuls schnell zu reagieren, zu erklären, warum sie getäuscht werden. Warum diese Männer gefährlich sind. Warum ihre Botschaften menschenfeindlich sind und die Grundlagen unseres demokratischen Zusammenlebens gefährden.
Aber wenn ich direkt alles erkläre, erfahre ich nichts mehr.
Denn was die Jungen in diesen Momenten beschreiben, ist oft etwas anderes als das, was ich reinhöre. Sie schwärmen selten zuerst von Frauenfeindlichkeit. Sie sprechen über Stärke. Über Mut. Über Selbstbewusstsein. Über Erfolg. Darüber, ernst genommen zu werden.
Und genau hier liegt der beachtenswerte Unterschied.
Männlichkeits-Influencer verkaufen nicht in erster Linie Ideologien. Sie verkaufen Antworten. Antworten auf Fragen, die viele Jungen tatsächlich beschäftigen: Wie werde ich respektiert? Wie wirke ich stark? Was muss ich tun, damit ich dazugehöre? Wie gehe ich damit um, wenn ich mich unsicher fühle?
Dass diese Antworten das Problem oft nur verstärken, ihnen selbst und vor allem den Frauen und queeren Personen in ihrem Umfeld schaden, ist vielleicht erklärbar. Aber leider heißt das nicht, dass dies für sie fühlbar wird. Um dem aufkeimenden Antifeminismus pädagogisch zu begegnen, müssen wir die Gefühle verstehen, die die Jugendlichen dafür empfänglich machen. Dafür müssen wir etwas aushalten, das sich für Erwachsene erstmal ungewohnt anfühlt: nicht die klügste Person im Raum zu sein. Wenn wir das lernen zu akzeptieren, öffnet sich wieder ein pädagogischer Handlungsspielraum. Der besteht nicht primär in den Strategien, Jugendliche möglichst schnell von der eigenen Sichtweise zu überzeugen. Sondern in der Bereitschaft, zunächst ehrlich verstehen zu wollen, welche Erfahrungen und Bedürfnisse ihre Sichtweisen für sie überhaupt plausibel erscheinen lassen.
Was bedeutet das nun für das Gespräch mit Tim?
Ich glaube nicht, dass der Lehrerin in diesem Moment bessere Argumente gefehlt haben. Im Gegenteil. Je länger ich mich mit diesem Gespräch beschäftige, desto mehr gefällt mir der Satz, den sie fast nebenbei gesagt hat: „Stimmt. Das weiß ich tatsächlich nicht.“
Vermutlich war das gar kein pädagogischer Plan. Vielleicht eher ein ehrlicher Moment. Und gerade deshalb finde ich ihn im Nachhinein so schön. Denn dieser Satz macht etwas, das Erwachsenen in pädagogischen Situationen oft schwerfällt: Er hält den Unterschied zwischen ihrer und Tims Lebenswelt aus, statt ihn möglichst schnell zu übermalen.
Und genau in diesem, erst einmal unangenehmen Moment entstehen pädagogische Handlungsmöglichkeiten, die sich für mich so anfühlen: Embrace the Cringe.
Erwachsene werden in der Lebenswelt von Jugendlichen zwangsläufig irgendwann cringe. Zwischen beiden liegt ein Erfahrungsunterschied, der sich nicht überwinden lässt. Und das ist okay und auch richtig so. Lehrkräfte müssen weder die neuesten Memes verstehen noch wissen, welcher Influencer gerade die 4YOUs dominiert. Jeder Versuch, möglichst aktuell, jugendlich oder slay zu wirken, kann nur scheitern, wenn du nicht pubertierend 8 Stunden am Tag durch TikTok wischst.

Genau in solchen Tim-Situationen liegt darum eine Chance, den sogenannten Adultismus abzubauen, der in den meisten pädagogischen Rollen eingeschrieben ist. Wir sprechen von Adultismus, wenn Erwachsene ihre eigene Perspektive unbewusst zur Norm machen und dabei vergessen, dass Jugendliche Erfahrungen machen, die sie selbst nie gemacht haben. Adultismus abzubauen bedeutet nicht, die Rollen zu vertauschen. Sondern anzuerkennen, dass Jugendliche Expert*innen ihrer eigenen Lebenswelt sind und einer*m nichts anderes übrig bleibt, als die Fragen zu stellen, die dich auch wirklich interessieren:
Was findest du daran inspirierend?
Was gibt dir dieses Männlichkeitsbild?
Warum denkst du, dass es so viel Kritik daran gibt?
Kannst du das aus deren Perspektive verstehen?
Nicht, weil ich hoffe, Tim mit diesen Fragen möglichst schnell umzustimmen, sondern weil ich ohne seine Antworten vermutlich vor allem auf das reagiere, was mich empört – und nicht auf das, was ihn gerade beschäftigt. Je besser ich verstehe, warum bestimmte Erzählungen für ihn attraktiv sind, desto eher kann ich meine eigene Haltung in ein echtes Gespräch einbringen.
Menschenfeindlichkeit braucht Widerspruch. Aber vielleicht braucht wirksamer Widerspruch zuerst Verständnis. Nicht, um menschenfeindliche Aussagen zu relativieren, sondern um zu verstehen, welche Erfahrungen und Bedürfnisse sie für Jugendliche plausibel machen. Erst dann richtet sich mein Widerspruch nicht nur gegen eine Aussage, sondern erreicht hoffentlich auch den Menschen dahinter.
Vielleicht besteht genau darin die sanfte Zumutung dieses Textes: den Wunsch loszulassen, in überfordernden Konfrontationsmomenten möglichst
schnell wieder souverän sein zu müssen. Es auszuhalten, dass wir die Lebenswelt von Jugendlichen nicht vollständig verstehen können und manche Antworten erst einmal nicht haben. Nicht als Zeichen mangelnder Professionalität, sondern als Ausgangspunkt ehrlicher Neugier.
Vielleicht beginnt pädagogische Souveränität manchmal genau dort, wo wir uns trauen zu sagen: „Das weiß ich tatsächlich nicht.“





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