Zürich by Night
- Fabian Ceska

- 10. Nov.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Nov.
Part One
Noch nie habe ich so entspannte Anzugträger gesehen wie in Zürich. Einladend lächelnd, mit lockeren Schultern und fast schon sympathisch, flanieren sie die Uferpromenade entlang. Sobald ich mich jedoch in eine dieser “Erfolgs-Uniformen” zwänge, bilden sich schon nach wenigen Minuten kalte Schweißflecken an meinem Rücken, die Krawatte zieht sich wie eine Schlinge bei jedem meiner Lockerungsversuche enger zusammen und wenn ich versehentlich mit meiner Handfläche das glattraue Material touchiere, bekomme ich augenblicklich Gänsehaut. Die züricher Anzugträger dagegen fühlen sich scheinbar so pudelwohl, dass ich mich frage ob sie sich nicht heimlich in voller Anzugsmontur ins Bett legen, um dann seelig vom Langlaufen zu träumen.
Es ist schon zur späten Abendstunde, als uns drei dunkle Anzüge mit hellen Gesichtern entgegenkommen. Noch ist es angenehm warm und ein laues Lüftchen lässt bei uns beiden die schwarzen Locken auf und ab hüpfen. Die Krawatten führen ein solch angeregtes Gespräch, dass sie uns nicht wahrnehmen. Sie haben keine Kapazitäten, um jetzt auch noch die räumliche Kopfrechnung zu bewerkstelligen, inwieweit fünf sich entgegenkommende Körper auf dem engen Gehweg der Limmatbrücke Platz haben. Mein neuer Freund und ich hingegen unterbrechen unsere Konversation. Automatisiert springe ich auf die Autostraße, um Platz zu machen, er drückt sich und sein Fahrrad so dicht an den Brückenrand, dass er kurz zum Stehen kommt. Den eleganten Passanten schenkt er ein aufrichtiges, fast schon entschuldigendes Lächeln. Ich kenne dieses Lächeln von mir selbst aus Bahnsituationen, stillen Wartezimmern oder gedrängten Parties. Es ist ein dem Gegenüber signalisieren, “Du bist sicher”, es ist ein “Hab keine Angst, ich bin nicht gefährlich”, es ist ein “Bitte glaube mir, ich bin einer von den Guten, selbst wenn ich nicht …”
“Weiß! Ja, mit weiß habe ich am liebsten gespielt, auch schon als Kind”, sagt mein neuer Freund. “Und weißt du, was besonders absurd ist? Mein erstes Wort war nicht Mama oder Papa, sondern "Kesh". Auf Dari bedeutet das Schach. Mein Vater hat gerne mit den Herren in unserer Stube Schach gespielt, das war noch bevor wir geflüchtet sind. Ich habe auf dem Arm meines Vaters immer mitgehört, wie sie alle “Kesh” riefen, sobald sie Schach geboten haben. Du musst wissen,Fabi, das machen nur die Amateure. Wenn du das bei einem professionellen Schachturnier machst, wirst du rausgeworfen.”
“Du hast schon mal bei einem professionellen Schachturnier mitgespielt?” frage ich ehrlich verwundert. Ich habe gerade erst angefangen, mich an seine “Schwiizertüütsche” Aussprache zu gewöhnen und zu akzeptieren, dass diese wirklich aus seinem Hals kommt. Dass er nun auch noch ein professioneller Schachspieler ist, gibt meinen Vorurteilen den Rest.
Er strahlt mich verschmitzt an und meint:
“Ich habe meine ganze Jugend im Schachverein gespielt. Später dann, in der Schweizer Nationalmannschaft, wo ich über mehrere Jahre Landesmeister war. Zu meiner besten Zeit war ich unter den Top 10 Schachspielerinnen und -spielern europaweit."
Ich lache laut auf. Es ist ein unkontrolliertes, ehrliches Lachen, das etwas Tiefsitzendes in mir löst. Die Vorstellung, dass in der Schweiz, in Zürich, in der wohl bildungsbürgerlichsten Sportart der Welt ”ER” Landesmeister war… ist so erwartungsbrechend schön, dass ich alles darüber wissen muss.
Ich so: “Es tut mir sehr leid, aber jetzt habe ich eintausend Fragen an dich."
Er so: “Das ist schade, ich habe nämlich eintausend und vier Geschichten dazu.”
Just in dem Moment, als ich mit meinem “Fragen-Bombardement” starten will, kommt uns eine junge Frau entgegen. Ich unterlasse es aktiv, ihr einen automatisierten Blick hinterherzuwerfen und merke, dass dies auch meinen Schweizer Schachmeister betrifft. Hierbei geht es jedoch nicht ausschließlich darum, dass ich einer von den “guten progressiven Männern” sein will. Vielmehr weiß ich selbst wie sich objektivierende Blicke anfühlen. In meinen Teenager-Jahren, war ich für meine Mitschüler und Mitschülerinnen fürs Verknallen und Knutschen ziemlich uninteressant, ja quasi unvorstellbar. Ich kann mich dagegen sehr gut an die lüsternen Augenpaare, sowie die Hände von älteren Männern und älteren Frauen erinnern, die meinen braunen Körper als Spielwiese für ihre rassistischen Phantasien nutzten. Die Blicke juckten dann an den angeglotzen Körperteilen in etwa so, als ob sich eine Handvoll roter Ameisen darauf befände. Besonders schamvoll für mich war, dass die Augen sich berechtigt fühlten, mich zu objektivieren und über mich zu verfügen. Irgendwie war es ja auch als Kompliment gemeint. Ich war halt einfach ein bunter Hund, von dem man nicht die Augen lassen kann. Was hätten sie denn tun sollen? Alles an mir war nunmal so anders und so …
“Auffällig. Das war mein Zweitname in der Schachwelt. Und aufgefallen bin ich auf zwei Arten. Einmal als braunes Kind und einmal als Nicht-Akademiker.Als ich neun Jahre alt war, gab es Qualifikationsturniere für die Finalspiele. Die gingen immer von Freitag bis Sonntag. Dadurch, dass mein Vater mich zu den Turnieren begleitete, musste meine Mutter in der Zeit alleine im Kiosk arbeiten, während meine restlichen fünf Geschwister zu Hause blieben.Die Top-Spieler haben mit ihren Eltern in schönen Hotels gewohnt und in Restaurants gegessen. Die hatten ihre eigenen Laptops dabei, um sich professionell auf die Spiele vorzubereiten. Mein Vater und ich gingen in große Matratzenlager, die eigentlich vom Schweizer Militär genutzt wurden. Dort mussten wir unsere eigenen Schlafsäcke und Kissen mitnehmen, um dann mit 30 Anderen im gleichen Raum zu übernachten. Du kannst dir sicher vorstellen, dass wir als Kinder immer bis tief in die Nacht gespielt haben. Mein Vater war hin und hergerissen und dachte sich: “Der muss morgen am ersten Brett spielen und gleichzeitig macht er noch spät nachts Kissenschlacht, was tun?” Wir hatten da kein Geld für Essen oder Kaffee und schon gar nicht, um in Restaurants zu gehen. Meine Mutter musste alles vorkochen und wir nahmen Essen für drei Tage mit. Meine Mutter kocht unglaublich gut und meistens hat sie uns Sambosas vorbereitet…”
“Sambosas? Ist das ähnlich wie indische Samosas?” frage ich während mir der erinnerte Duft meiner Kindheit von angeschwitzem Kreuzkümmel und Kardamom in die Nase steigt.
“Ja, genau. Das sind so viereckige Teigtaschen und wir hatten immer so 60 Stück dabei.Aber Fabi … Das hat so gestunken! Bitte verstehe mich nicht falsch, jetzt bin ich dankbar dafür, sehr sogar. Aber zu der Zeit habe ich mich so geschämt. Ich war der einzige nicht weiße Junge bei dem gesamten Turnier, ich trug die schlecht sitzende Kleidung meiner älteren Brüder und aus den Plastiktüten in meiner Hand roch es penetrant nach Zwiebeln, Hackfleisch und Koriander. Ich konnte mich nirgendwo verstecken, ich war..."
Entlarvt war ich, sobald ich mein Pausenbrot aus dem Aluminium schälte. Denn während andere Kinder ihre Butter-Gouda-Vollkornbrote und 3 Apfelschnitze aus ihren Tupperdosen holten, lockte der Geruch meiner Jause immer den halben Schulhof an. Das Kartoffel-Korma vom Vortrag wurde mitsamt der stundenlang geköchelten Kokosnusssoße in ein weißes Baguette gelegt und mit Zitrone und Koriander garniert. Im besten Fall hatte sich die Soße bereits überall in das Baguette eingesaugt. Wenn dem so war, bedeutete jeder einzelne Biss eine derart fantastische Geschmacksexplosion, dass es unmöglich war, beim Essen nicht automatisch leicht in die Knie zu gehen. Das war das beste Pausenbrot der Welt und ich schämte mich unendlich dafür. Ich schämte mich dafür, dass es mich als indisch und somit als “anders” entlarvte. Mit den Assoziationen und dem Duft, der daran haftete, wollte ich nichts zu tun haben. Deshalb verkaufte ich meine Pausenbrote stets an den Meistbietenden. Häufig war dies ein blasser Junge mit adeligem Nachnamen, der von seinen Eltern nur Pausengeld bekam. Davon holte ich mir manchmal ein Maxi-King, meistens aber ein Kinder Bueno, die teuerste Süßigkeit, die es im Schulautomaten gab. Damit stolzierte ich dann geruchsneutral und angepasst über den Pausenhof.
Leicht erschrocken über meine Tagträumerei versuche ich, mich wieder zu fangen. Es ist bei mir selten, dass ich im Gespräch so viele Parallelen zu meiner Geschichte feststelle und dadurch meine eigenen Gefühle stärker wahrnehme als die des Gegenübers. Es ist ebenfalls neu, dass ich jemand anderes ansehe und mich selbst darin entdecke. Besonders überraschend dabei ist, dass ich meinen neuen Freund nicht abstoßend oder “noch gerade so aushaltbar” finde, sondern im Gegenteil berührend, schön und liebenswert.
“Fabi, weißt du, ich hatte letztens ein Gespräch mit meiner Freundin und wir haben uns darüber unterhalten, was wir als Kinder werden wollten, wenn wir einmal groß sind. Ich habe immer gesagt, dass ich Fußballer oder Schachspieler werden will. Aber das war eine Lüge, das hat nicht gestimmt. Mein Wunsch war, akzeptiert zu werden und nicht mehr aufzufallen. Ich wollte weiß sein.”
Ich habe vollkommen die Orientierung verloren und zwar noch viel mehr, als es bei mir sowieso im Alltag der Fall ist. Ich habe absolut keine Ahnung, wo wir gerade in Zürich sind und nichts könnte unwichtiger sein. Um uns herum ist es nun stockdunkel geworden und es spielt absolut keine Rolle. Ich weiß dass, ich mich ab jetzt auch noch so verlaufen könnte, ohne wirklich “lost” zu sein. Das größte verdrängte, eigene Geheimnis aus dem Mund eines Anderen zu hören hat mir augenblicklich eine mit Backsteinen randvoll gefüllte Schultasche von den Schultern gerissen. Die tiefe Angst, niemals wirklich verstanden zu werden, bekommt an diesem Nachtspaziergang eine Umarmung, die weicher ist als der knuffigste “Coton de Tuléar".Ich bin weder besonders noch alleine mit meiner Geschichte und spüre, dass mich dadurch eine langjährige Einsamkeit verlässt. Auch ich darf Teil von kollektiven Gefühlen, Sehnsüchten und Verletzungen sein. Das Beste daran ist, dass wir noch eine ganze Nacht in Zürich vor uns haben und ich mich zugehörig fühle, und zwar ganz ohne einen Anzug zu tragen.
Danksagung:
Danke Kambez Nuri, dass ich deine Geschichte nutzen und mit meiner verknüpfen darf. Es war mir nicht bewusst, aber vor unserem Kennenlernen habe ich dich vermisst. Danke für deine Freundschaft, lieber Kambez und danke, dass durch dich Ahmed Ajil in mein Leben kam. Ahmed, wenn du deine wunderschönen Haare öffnest, sehe ich alles nur noch in Slow Motion. Ich habe euch beide so lieb!




Hach Fabi, ich erinnere mich noch lebhaft an unser Waldschlösschen Seminar im September 2023. Um auf deine Welt anzuspielen, habe ich Wienerisch und Falco ins Spiel gebracht. Das war viel unspektakulärer und nicht allzu exotisch. Wobei für mich als Thüringen-Niedersachse Österreich trotzdem exotisch ist. Diese Geschichte hier berührt mich sehr. Und ich kann dich gut darin wiedererkennen. Mit deiner ganzen Offenheit und Emotion, die ich bei unserem Treffen damals auch sehr genoss. Eine Umarmung aus der Ferne, hab dich auch sehr lieb!
So berührend und entwaffnend – gerade weil du so offen und verletzlich schreibst. Ein Text, der bei mir tief nachhallt. Danke fürs Sichtbarmachen!